Labordiagnostik Darm

Geht es um Gesundheitsprävention, denkt man meistens an einen gesunden Lebensstil, Ernährung, Bewegung, ausreichenden Schlaf, Stress- und Übergewichtsabbau. Das ist alles richtig – doch eine Hauptrolle bei diesem Thema übernimmt der Darm. Immer mehr chronisch-inflammatorische Erkrankungen werden mit einer geschädigten Darmbarriere, Leaky Gut oder intestinaler Dysbiose in Verbindung gebracht. Bei einer Fehlbesiedlung des Darms kommt es zur Mangelversorgung des Darmepithels, Reduktion der Schleimschicht und vermehrter Freisetzung von Lipopolysacchariden. Dies trägt nicht nur zu Verdauungs- und Darmerkrankungen bei, sondern auch zu Autoimmunerkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselstörungen, neurologischen und chronisch-degenerativen Krankheiten. Die umfassende Analytik zur Klärung der Besiedlung und Funktion des Darmes ist daher für die ursächliche und ganzheitliche Behandlung derartiger Erkrankungen von entscheidender Bedeutung. Hier sind einige der wichtigsten Parameter zusammengefasst: Analyse des Florastatus bzw. Mikrobiom-Analyse: Darmbakterien sind nicht nur dazu in der Lage, die aufgenommene Nahrung zu verwerten und unverdauliche Stoffe zu spalten. Sie synthetisieren lebenswichtige Vitamine und antimikrobielle Substanzen, die das Wachstum pathogener Bakterien eindämmen. Zudem beeinflussen und kontrollieren komplexe Interaktionen im Stoffwechsel und setzen immunmodulierende Stoffe frei. Sie haben nicht nur für den Erhalt der Darmbarriere eine wichtige Bedeutung, sondern produzieren Neurotransmitter und Neuromodulatoren. Auf diese Weise kommunizieren sie mit dem ZNS und steuern auch Psyche, Stimmungen und Gefühle. Bei der Mikrobiom-Analyse werden die Genome der Bakterien eindeutig identifiziert. Dazu setzt man die molekularbiologische Methode der 16S rRNA-Sequenzierung isolierter Bakterien-DNA ein. Über die individuellen 16S rRNA-Sequenzen der Bakterien lässt sich ermitteln, welche und wie viele Bakterien in einer Probe vorhanden sind. Der Florastatus ist eine mikrobiologische Untersuchung die feststellt, welche Bakterien bzw. Bakteriengruppen sich auf bestimmten Nährmedien vermehren können. Dabei können allerdings bei weitem nicht so viele Arten bestimmt werden wie mit einer Mikrobiom-Analyse. Darmpermeabilität bzw. Leaky Gut: Alpha-1-Antitrypsin (AAT) ist ein Glykoprotein und Akute-Phase-Protein, welches in der Leber sowie von Darmepithelzellen gebildet wird. AAT im Stuhl ist ein Hinweis auf Entzündungen mit einer erhöhten Durchlässigkeit der Darmschleimhaut. Erhöhte AAT-Werte deuten auf Glutenunverträglichkeit, Leaky-Gut-Syndrom, Zöliakie, allergischen Erkrankungen, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa oder bakteriell bzw. viral bedingte Enterokolitiden. Zonulin wird als zentraler Regulator der intestinalen Permeabilität betrachtet. Bei Entzündungen des Darms oder auch bei intestinaler Dysbiosen kommt es zur verstärkten Freisetzung von Zonulin aus den Enterozyten. Dies trägt zur Entstehung eines sog. Leaky-Gut bei, mit Translokation pathogener Keime aus dem Darm in den Blutkreislauf. Man geht davon aus, dass dieser Prozess maßgeblich am Ausbruch chronisch-inflammatorischer Erkrankungen beteiligt ist. Schleimhautimmunitat: Sekretorisches IgA (sIgA) findet sich in vielen Körperflüssigkeiten, zum Beispiel im Speichel, Tränenflüssigkeit, Intestinalsekret oder Urogenitalsekret. Dieses Immunglobulin verhindert das Anhaften von Pathogenen an die Epithelzellen und entfernt sie aus dem Lumen. So spielt das sIgA eine entscheidende Rolle in der mukosalen Immunität. Zu niedrige sIgA-Werte können auf verringerte Zellzahlen der immunmodulierenden Mikrobiota und auf ein fehlgesteuertes oder alterndes Immunsystem hinweisen. Sind die sIgA-Werte dagegen erhöht, empfiehlt es sich, den genauen Ursachen auf den Grund zu gehen (z. B. bakterielle Dysbiose oder Nahrungsmittelallergien). Intestinale Entzündungen: Alpha-1-Antitrypsin (AAT) ist ein Glykoprotein und Akute-Phase-Protein, welches in der Leber sowie von Darmepithelzellen gebildet wird. AAT im Stuhl ist ein Hinweis auf Entzündungen mit einer erhöhten Durchlässigkeit der Darmschleimhaut. Erhöhte AAT-Werte im Stuhl können ein Hinweis sein auf Glutenunverträglichkeit, Leaky-Gut-Syndrom, Zöliakie, allergischen Erkrankungen, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa oder bakteriell bzw. viral bedingte Enterokolitiden. Calprotectin ist ein calciumbindendes Protein, welches ebenso auf eine invasive Schleimhautentzündung hinweist. Im Gegensatz zu alpha-1-Antitrypsin ist Calprotectin weniger sensitiv. Der Verlauf schwerer entzündlicher Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa kann mit Calprotectin im Verlauf gut beobachtet werden. Maldigestion und Malabsorption: Normalerweise lassen sich im Stuhl nur geringe Mengen unverdauter Nahrungsrückstände nachweisen. Verdauungsrückstände geben Hinweise auf eine verminderte Bildung der nahrungsabbauenden Enzyme. Die Pankreas-Elastase wird von der Bauchspeicheldrüse gebildet. Eine ausreichende Sekretion dieses Enzyms ist wichtig für eine geregelte Verdauung. Über die Konzentration der Pankreas-Elastase im Stuhl kann man die exokrine Pankreasfunktion beurteilen. Beim Bestehen einer exokrinen Pankreasinsuffizienz kommt es oftmals zu unspezifischen Beschwerden, wie z. B. wechselnde Stühle, Übelkeit, kolikartige Schmerzen, Völlegefühl, Blähungen oder Unverträglichkeit von Lebensmitteln. Gallensäuren werden in der Leber gebildet und in der Galle gespeichert. Durch die Ausschüttung von Gallensaft in den Dünndarm kann die Verdauung von Fetten stattfinden. Sie werden anschließend aus dem Darm in die Blutbahn aufgenommen. Gallensäuren werden vom Darm ausgehend „recycled“. Ist die Schleimhaut geschädigt (z. B. bei Morbus Crohn), können sie nicht wieder aufgenommen werden und gehen dem Körper verloren. pH-Wert: Ein leicht saurer Dickdarm-pH ist wichtig für eine gesunde Darmflora. Der gesunde pH-Wert im Stuhl liegt bei 5,5 bis 6,5. Dies verhindert, dass potenziell pathogene Bakterien sich im Darm stärker vermehren können. Dadurch werden auch mikrobielle Fäulnisprozesse verhindert, die häufig zu Blähungen und anderen Darmbeschwerden führen. Weitere Stuhlanalysen: Unter Umständen kann es sinnvoll sein, ergänzende Untersuchungen durchzuführen. Dazu gehören die Analyse von Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Histamin, Helicobacter pylori und Candida albicans.

Schizophrenie: Gluten-Sensitivität, Entzündungsmarker und Darmbarriere

Selbst nach mehr als 100 Jahren Schizophrenie-Forschung ist die Pathogenese der Krankheit immer noch nicht vollständig geklärt. Dies ist auf die Heterogenität der Pathogenese und des klinischen Verlaufs zurückzuführen. Die Entstehung beruht wahrscheinlich auf dem Zusammenspiel von genetischen und umweltbedingten Faktoren, die zu neurochemischen, neurostrukturellen und neurofunktionalen Veränderungen im Gehirn führen. Auch heute noch gibt es viele verschiedene Theorien und Hypothesen zu den Ursachen der Erkrankung. 1992 stellte Smith die Makrophagen-(Zytokin-)Theorie der Schizophrenie vor, wonach die Störung auf immun-entzündlichen Reaktionen beruht. Dieser Wissenschaftler sah bereits vor 30 Jahren den Gastrointestinaltrakt als den Bereich an, in dem nach den Ursachen der Immunaktivierung gesucht werden sollte. Immer mehr Belege, sowohl aus präklinischen wie auch klinischen Studien, bestätigen die Gültigkeit von Smiths´ Theorie. Sie alle wiesen erhöhte Spiegel der pro-inflammatorischen Zytokine Interleukin-1β (IL-1β), Interleukin-6 (IL-6), Interleukin-10 (IL-10) und Tumor-Nekrose-Faktor α (TNF-α) nach. Die Darm-Mikrobiota-Gehirn-Achse, die eine bidirektionale Kommunikation zwischen dem Gastrointestinaltrakt und dem Gehirn vermittelt, spielt eine wichtige Rolle für die Entwicklung psychischer Störungen. Die Interaktionen erfolgen über endokrine, Stoffwechsel-, neuronale und Immunwege. Aus einer Störung des Gleichgewichts der Gehirn-Darm-Mikrobiota-Achse kann eine Störung der Integrität der Darmbarriere resultieren. Die Hyperpermeabilität des Darms bewirkt das Eindringen von Antigenen in den Blutkreislauf und die Aktivierung der immunentzündlichen Signalkaskade. Verschiedene Studien wiesen bei Schizophrenie-Patienten das Vorhandensein einer strukturellen Schädigung der Darmbarriere nach. Gluten, das Speicherprotein von Getreidearten wie Weizen und Gerste trägt zu dieser immun-entzündlichen Aktivierung im Lumen des Gastrointestinaltrakts bei. Bereits in den 1950er Jahren war der Zusammenhang zwischen dem Auftreten von jugendlicher Schizophrenie und Zöliakie bekannt. In den 1960er Jahren wurde nachgewiesen, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Menge des verzehrten Getreides und dem Risiko für die Entwicklung von Schizophrenie. Weitere Studien der vergangenen Jahre fanden bei Patienten mit Schizophrenie eine höhere Prävalenz klinisch signifikanter Anti-Gluten Antikörpertiter (AGA IgA und AGA IgG) im Vergleich zu gesunden Personen. Dieser Zusammenhang scheint auch durch die klinischen Fälle bestätigt zu werden, die eine teilweise oder vollständige Remission der Schizophreniesymptome nach einer glutenfreien Diät beschreiben, sowie die Ergebnisse der ersten randomisierten, klinischen Doppelblindstudie. Das Ziel einer neuen Studie bestand darin, die Unterschiede in den Konzentrationen von Markern zu bestimmen, die mit der Bildung von IgG- und IgA-Antikörpern gegen Gliadin, Inflammation und Integrität der Darmwand einhergehen. Dazu wurden Patienten mit der ersten Schizophrenie-Episode (1S), chronische Schizophreniepatienten (CS) und gesunden Personen (G) untersucht, um mögliche Zusammenhänge zwischen Entzündung, Glutensensitivität und Darmdurchlässigkeit herzustellen. Die gesamte Patienten-Stichprobe umfasste 162 Personen (52 1S, 50 CS und 60 G). Untersucht und verglichen wurde die Beurteilung der Ernährung und die Serumkonzentrationen von hochempfindlichem C-reaktivem Protein (hs-CRP), Interleukin-6 (IL-6), lösliches CD14 (sCD14), Anti-Saccharomyces cerevisiae-Antikörper (ASCA), Antigliadin-Antikörper (AGA) IgA/IgG, Antikörper gegen Gewebetransglutaminase 2 (anti-tTG) IgA, Anti-deamidierte Gliadinpeptide (Anti-DGP) IgG. Die Ergebnisse zeigten einen signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen bezüglich der Spiegel von sCD14, ASCA, hs-CRP, IL-6 und AGA-IgA. Die AGA-IgG/IgA-Werte waren sowohl in der 1S-Gruppe höher (11,54 %; 30,77 %), als auch in der CS-Gruppe (26 %; 20 %), im Vergleich zu den gesunden Probanden. Der Zusammenhang zwischen intestinaler Permeabilität und Entzündung wurde nur bei schizophrenen Patienten festgestellt. Ein klarer Zusammenhang wurde nachgewiesen für das Risiko einer Schizophrenie bei positivem AGA IgG. Entzündungen und Überempfindlichkeitsreaktionen auf Nahrungsmittel die durch eine erhöhte intestinale Permeabilität ausgelöst werden, können zur Pathophysiologie der Schizophrenie beitragen. Die Autoren kommen durch die Ergebnisse ihrer Studie zu folgenden Schlussfolgerungen: Die Studie zeigt Unterschiede bei Markern für die Durchlässigkeit des Darms, Entzündungen und Glutensensitivität zwischen Schizophreniepatienten und gesunden Personen auf. Der Zusammenhang zwischen Entzündung, Darmparametern und Glutensensitivität nur bei Schizophrenie-Patienten deutet auf eine mögliche Störung der Darm-Mikrobiota-Hirn-Achse bei dieser Erkrankung. Die bei Schizophreniepatienten festgestellte Immunreaktion auf Gluten hängt von der Phase und Dauer der Erkrankung ab. Quellen 1. Skonieczna-Żydecka, K. et al. Second-generation antipsychotics and metabolism alterations: a systematic review of the role of the gut microbiome. Psychopharmacology (Berl) 236, 1491–1512 (2019). 2. McLean, R. T., Wilson, P., Clair, D. S., Mustard, C. J. & Wei, J. Differential antibody responses to gliadin-derived indigestible peptides in patients with schizophrenia. Translational Psychiatry 7, (2017). 3. Lionetti, E. et al. Gluten psychosis: Confirmation of a new clinical entity. Nutrients 7, 5532–5539 (2015). 4. Dale, H. F., Biesiekierski, J. R. & Lied, G. A. Non-coeliac gluten sensitivity and the spectrum of gluten-related disorders: an updated overview. 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